Der neue Dorf-Zahnarzt: Praxis in Lonsee

Südwestpresse, REGINA FRANK | 22.11.2014

Die Versorgungslücke ist geschlossen, Lonsee hat wieder eine Zahnarztpraxis. Die alte wollte zwar niemand übernehmen, dafür eröffnete sich eine Alternative. Eine zukunftsweisende: die Mietpraxis.

Der Gemeinde Lonsee ist der einzige Zahnarzt abhanden gekommen. Er verlegte seine Praxis nach Geislingen. Das rief den Gemeinderat und die Verwaltung auf den Plan. "Es ist ein wichtiger Standortfaktor, einen Arzt vor Ort zu haben", sagt der Bürgermeister, Jochen Ogger. Lonsee hat 4.800 Einwohner und ist mit Allgemeinärzten gut versorgt, es gibt sogar zwei davon, und sie sind obendrein noch jung. Aber Zahnarzt wollte sich kein neuer finden, jedenfalls keiner, der die Praxis auf dem Land hätte kaufen wollen. Ogger: "Das wäre die einfachere Lösung gewesen."

Es tat sich eine ganz andere auf: Der Zufall wollte es, dass der Bürgermeister auf einen Zahntechniker aufmerksam wurde, der in Neu-Ulm ein Mietmodell verwirklicht hat und sich vorstellen konnte, einen Ableger in Lonsee zu installieren. Die Idee dahinter: Zahnärzte scheuen mitunter die Investition, zumal auf dem Land. Eine Drei-Zimmer-Praxis einzurichten kostet erfahrungsgemäß zwischen 350.000 bis 550.000 Euro. Sie wollen sich jedoch auch nicht unbedingt bei einem anderen Zahnarzt anstellen lassen. Das Konzept von Zahntechniker Andreas Lindauer nimmt dem Zahnarzt das Investitionsrisiko ab und ermöglicht gleichzeitig die Selbstständigkeit - dies sogar in Teilzeit. Lindauer und ein Mitgesellschafter richten die Räume ein. Zahnärzte können sie tageweise belegen und bezahlen Miete.

Aus einstiger Sozialstation wird Arztpraxis

In Lonsee haben die beiden Investoren aus einer leer stehenden, ehemaligen Sozialstation in der Sinabronner Straße eine Zahnarztpraxis gemacht - für nur 220.000 Euro. Das gelang aufgrund des Know-hows, das sie bei ihrer ersten Gründung erworben hatten. Lindauer: "Wir konnten die Planungskosten sparen." Gespart wurde auch beim Mobiliar: Es stammt aus Praxen, die altershalber aufgegeben wurden, ist also gebraucht. "Das tut dem Patienten nicht weh, wenn der Aktenordner in einem zehn Jahre alten Schrank steht." Wichtiger sei, die medizinische Versorgung. In der Praxis werde eine "fundierte Zahnheilkunde von erfahrenen Ärzten mit neuester Technologie" gewährleistet. Lindauer: "Das hat der Patient verdient, ob in der Stadt oder auf dem Land."

Die ersten Ärzte, die in die Praxis einzogen, kommen aus dem Neu-Ulmer Praxis-Zentrum: Dr. Carolyn Goertz und Zahnarzt Rolf Thilo Krause. Für die beiden ist die Arbeit in Lonsee eine Nebentätigkeit. Die Ärztin hat bislang 16 Stunden in der Woche gearbeitet und wollte aufstocken. Sie kann sich in Lonsee, wo sich die Patienten über einen Arzt freuen, mit einer Zweitpraxis ein neues Standbein aufbauen. Und ihr Kollege ist als Mitgesellschafter des Projekts an der Entwicklung interessiert und will es selbst mit zum Laufen bringen.

Die Praxis ist drei Tage in der Woche geöffnet. Zwei Tage sind noch nicht belegt, es könnte also ein weiterer Zahnarzt einsteigen. Er sollte allerdings den herrschenden Geist mittragen und sich dem gemeinsamen Kodex verpflichtet fühlen, sagt Lindauer. Denn die Praxis auf dem Land ist sozusagen ein Satellit des Neu-Ulmer Zentrums für Zahngesundheit, oder wie Lindauer sagt: ein Kompetenzzentrum im Hintergrund. Es bietet ein Netzwerk, sodass das unter anderem Fortbildungen gewährleistet.

Die Satelliten-Praxis in Lonsee hat einen Monat nach ihrer Eröffnung 100 Patienten, sie ist bis Weihnachten ausgebucht. Es gibt nur noch Zeitpuffer für Schmerzpatienten und Patienten, die unbedingt dieses Jahr noch eine Vorsorgeuntersuchung samt Stempel fürs Krankenkassen-Bonusheft benötigen.

Dem Bürgermeister gefällt an dem Lindauer-Konzept, dass die Praxis klein anfangen und wachsen kann und nicht von Beginn an unbedingt einen großen Kundenstamm braucht, damit sie sich rechnet. In Lonsee entstand so in einem der beiden Ortszentren mit Schule, Spielplatz, Bücherei und Sparkasse sogar so etwas wie ein kleines Ärztehaus: In dem Gebäude, in dem die Zahnärzte untergebracht sind, praktiziert auch einer der beiden örtlichen Allgemeinärzte.

Lindauer reagiert auf Trends: "Den Alleinzahnarzt auf dem Land wird es in Zukunft nicht mehr geben." Die neue Form von Berufsausübungsgemeinschaften, die er schuf, könnte aber durchaus Zahnärzte mit speziellen Lebenslagen und besonderen Arbeitszeitvorstellungen ansprechen - zum Beispiel Zahnärztinnen, die nach der Familienpause in Teilzeit in den Beruf zurückkehren. Lindauer ist überzeugt: Sein Konzept passt zum Zeitgeist. Und er hält es für ausbaufähig. "Lonsee ist ein Modell für andere Orte."

 

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